Rostock (OZ) Der Vertreter des Bundesforschungsministeriums war überrascht: Soviel Kompetenz in Agrarforschung und Biotechnologie hatte er in Mecklenburg-Vorpommern nicht vermutet. Rund 150 Experten waren der Einladung zu den "Tagen der innovativen und nachhaltigen Landwirtschaft" gefolgt, die gestern im Technologiezentrum Warnemünde begannen. Zumal die Veranstalter ein interessantes Projekt präsentierten: In Groß Lüsewitz bei Rostock soll ein Kompetenzzentrum für biogene Ressourcen entstehen. "Fachübergreifend könnten dort neue Verfahren der Biotechnologien entwickelt und zur Patentreife geführt werden", hob Agrarminister Till Backhaus (SPD) hervor. Labors und Versuchsflächen sollen für interdisziplinäre Forschungen zur Verfügung gestellt werden. Zehn Firmen hätten bereits Interesse daran signalisiert.
Die Idee stammt von klugen Köpfen der Branche, die vor knapp einem Jahr beschlossen hatten, ihre Kräfte in einem Verein zur Förderung innovativer und nachhaltiger Agrobiotechnologien (FINAB) zu bündeln. Mit dabei die beiden Universitäten, die Bundesanstalt für Pflanzen-Züchtungsforschung Groß Lüsewitz, das Tierforschungsinstitut Dummerstorf und die Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten bei Tieren auf der Insel Riems. Außerdem Züchterhäuser und Biotechnologiefirmen. Immerhin bietet der Bereich Agrarforschung/Biotechnologie in M-V bereits 1700 Arbeitsplätze. "Gemessen an der Einwohnerzahl liegt Mecklenburg-Vorpommern bei Unternehmensgründungen dieser Branche bundesweit auf Platz vier", so Hans-B. Roolf von der Innovationsagentur M-V.
Derzeit wird an der Machbarkeitsstudie für das Kompetenzzentrum gearbeitet. Fällt die zufriedenstellend aus, will der Agrarminister das Projekt ins Kabinett einbringen. "Möglichst noch vor der Sommerpause", so Backhaus. Er stellte in Aussicht, dass sich das Land an der Finanzierung beteiligt. FINAB-Vorsitzende Dr. Inge Broer hofft schon 2001 auf den Baubeginn.
Große Erwartungen äußerte der Bauernverband. "Wir brauchen die Wissenschaft, damit neue, ertragreiche Saatgut-Sorten auf den Markt kommen und noch mehr für die Tiergesundheit getan wird", sagte Wilfried Groth, Vizepräsident des Landesverbandes. Dabei solle die Gentechnik nicht ausgeklammert werden. Allerdings müsse sie "mit Gefühl und Verstand an den Verbraucher herangeführt werden". Den Bauern nütze es nichts, wenn der Anbau genveränderter Pflanzen Demonstrationen provoziere.
Auch Ulrich Schlüter vom Bundesforschungsministerium verwies darauf, dass die Skepsis gegenüber der grünen Gentechnik nicht ausgeräumt sei. In den Vereinigten Staaten, einem der Vorreiter beim Anbau von Gen-Pflanzen, brachen nach der letzten Ernte bei diesen Kulturen die Preise ein.
Prof. Heide-Dörte Matthes, Vorsitzende des Biopark-Verbandes, plädierte für den Einsatz von Biotechnologien. "Bio-Dünger aus Mikroorganismen oder Hefe bei der Silierung nutzen auch dem Öko-Landbau." In der Gentechnik hält sie jedoch die Risiken für "zu groß".
Dr. Broer aber geht davon aus, dass Öko-Landbau und Gentechnik nicht auf Dauer ein Gegensatz bleiben: "Die schlimmen Szenarien sind unbegründet, das wird der Verbraucher sehen", meinte die Biologin. Sie setzt auf die Vorteile, die erreichbar sind, wenn Zellen fremde Gene eingepflanzt werden: Kartoffeln, die nicht mehr faulen, Getreide, dem Schädlinge nichts anhaben können, und Fleisch, das mehr gesundheitsfördernde Fettsäuren enthält.
ELKE EHLERS
Quelle: Ostseezeitung